Schützen wollen Freiraum nutzen

WNZ vom 29.04.2021
Trainings- statt Wettkampfevents können die Saison nicht retten, Einzelnen aber zur DM-Teilnahme verhelfen

Von Sven Jessen

DILLENBURG/WETZLAR. Es ist schon bizarr. Die Besten aus dem Schützenbezirk Lahn-Dill dürfen in ihren Ligen seit Monaten nicht antreten. Die bekannten Gründe: Kontaktbeschränkungen, Lockdown, Eindämmung der Infektionsgefahr. Doch bei den Europameisterschaften in knapp vier Wochen sollen die „Profis“ unter den Amateuren trotzdem glänzen. Am anderen Ende des Leistungsspektrums spielt sich ähnlich Bizarres ab: Am 2. Mai soll in Hüttenberg ein Schieß-Event auf Bezirksebene stattfinden. Haben die Schützen etwa einen Weg gefunden, um die „Bundesnotbremse“ auszuhebeln?

Nein, so ist es nicht. Bezirksschützenmeisterin Dunja Boch macht auf Nachfrage der Redaktion klar, dass die Schützen in „Notbremse“-Zeiten keinesfalls aufs Gaspedal gestiegen sind, und dass die Behörden die Bremse weiterhin angezogen halten. Denn wie überall im Amateursport sind auch den Schützen Wettkämpfe bis einschließlich 30. Juni verboten, sofern die Inzidenzwerte an drei aufeinander folgenden Tagen über 100 liegen und die „Bundesnotbremse“ in Kraft ist.

Was das Training betrifft, so herrscht in körperkontaktfreien Sportarten wie dem Schießen zurzeit eine Beschränkung auf zwei Erwachsene, die sich gleichzeitig auf einem Schießstand aufhalten dürfen und das auch müssen. In der Praxis bedeutet das: Eine Person trainiert, die andere führt qualifiziert Aufsicht, könnte also beispielsweise Erste Hilfe leisten. Trainer oder Zuschauer sind nicht zugelassen. Eine Kontaktsportart wie Tanzen wiederum dürfte nicht einmal trainiert werden, selbst wenn die beiden Beteiligten außerhalb des Sports Tisch und Bett miteinander teilen sollten.

Und doch eröffnet die „Bundesnotbremse“ einen Spielraum, den die Schützen nutzen wollen, damit ihre sportlichen Aktivitäten nicht vollends zum Erliegen kommen: In Abstimmung mit den Kreisbehörden werden Wettkämpfe zu Trainingsschießen erklärt, und aus Mannschaftswettbewerben werden – sofern das organisatorisch zu leisten ist – inoffizielle Einzelschießen.

Alles wie gehabt, nur unter anderen Bezeichnungen? So ist es nicht. In einem Rundschreiben eröffnete Dunja Boch Ende der vergangenen Woche den Vereinen, welche Teile des Wettkampfprogramms unwiederbringlich verloren sind.

Am Sonntag sollen erste Ergebnisse zustandekommen

Nachdem bereits die Hessenmeisterschaften in allen Disziplinen abgesagt worden waren, sind nun auch Teile der Bezirksmeisterschaften nicht mehr zu retten. 2021 wird es mit der Zentralfeuerpistole sowie in den Mixed-Wettbewerben mit dem Luftgewehr und mit dem Kleinkalibergewehr keine Bezirksmeister geben. Schützen, die sich in diesen Disziplinen über die Bezirkstitelkämpfe für die „Deutschen“ qualifizieren wollten, müssen sich von diesem Gedanken verabschieden.

Noch nicht abgesagt, aber zeitlich verschoben wurden die Bezirksmeisterschaften in den Disziplinen Zimmerstutzen Auflage, die für den 2. Mai in Hüttenberg vorgesehen waren, und die Bezirkstitelkämpfe in der Luftgewehr-Dreistellung, die am 8. Mai in Haiger hätten stattfinden sollen. Die Meldefristen für die Deutschen Meisterschaften liegen in diesen Disziplinen noch weit genug entfernt, um auf einen Nachholtermin hoffen zu dürfen.

In weiteren Disziplinen wird der Schützenbezirk Lahn-Dill abwarten, was sich auf Hessen- und Bundesebene in den kommenden Tagen ereignet. Bezirksschützenmeisterin Dunja Boch teilte den Vereinen hierzu mit: „Da noch keine Informationen des HSV bzw. DSB vorliegen, ob die DM ausgetragen wird, möchte ich Euch noch etwas um Geduld bitte. Ich rechne damit, dass zum 1. Mai die Entscheidungen des DSB vorliegt. Momentan sind wir aber noch an die vorgegebenen Meldetermine gebunden und damit auch an unseren Zeitplan.“

Die große Überraschung nach Einführung der „Bundesnotbremse“: Am 2. Mai sollen in Hüttenberg trotzdem Ergebnisse auf die Scheiben gebracht werden.

Für die Bezirksmeisterschaften in der Disziplin Zimmerstutzen hatten neun Männer aus drei Vereinen gemeldet, wobei für Sonntag mit der einen oder anderen kurzfristigen Absage zu rechnen ist. Der Wettkampf wird nun als Trainingsschießen stattfinden, zu dem die Schießaufsicht nach und nach (beispielsweise im Abstand von etwas mehr als einer Stunde) einen Teilnehmer nach dem anderen auf den Schießstand bitten wird. Geselliges Miteinander? Entfällt auf diese Weise.

Auf diese Weise hätten die Schützen den gesetzlichen Vorgaben für die Ausübung des Schießsports (der eine Aufsicht vorschreibt) wie der „Bundesnotbremse“ (die maximal zwei Beteiligte im Trainingsbetrieb gestattet) gleichermaßen genüge getan. Die erzielten Resultate wären zwar keine offiziellen, aber unter Umständen tauglich für die Zulassung zur Deutschen Meisterschaft.

Es klingt nach einer Trickserei. Es ist aber keine, weil das vierte Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite kontaktlosen Individualsport zu Trainingszwecken ausdrücklich erlaubt.

Andererseits: Von der Magie des Schießsports bleibt unter den aktuellen Gegebenheiten eben auch kaum mehr übrig als ein paar Taschenspielertricks – schlechte Kompromisse, die den gewohnten Wettkampf mit seinen taktischen Möglichkeiten im unmittelbaren Duell der Konkurrenten gegeneinander nicht ersetzen können. Dies wird mit Blick auf die Rundenwettkämpfe klar.

Die Kleinkaliberwettkämpfe hätten eigentlich im April beginnen sollen. Der Rundenstart ist inzwischen auf den Mai verschoben worden. Auch dann wird es nur noch ein Trainingsschießen geben, das sich offiziell „internes Vergleichsschießen“ nennt, kündigte Dunja Boch an. Es läuft also auf Einzel- und Fernwettkämpfe zur Kontrolle des individuellen Leistungsstandes hinaus.

„Notbremse“ gestattet Individualsport ausdrücklich

Die erzielten Einzelresultate könnten anschließend zwar zu Mannschaftsscores addiert werden. Außerdem wäre es möglich, eine Tabelle zu erstellen. Allerdings: Es wird eine Runde ohne echten sportlichen Wert sein. Aufstieg und Abstieg sind ausgesetzt. Mannschaftsrückzüge sind möglich und werden nicht bestraft. Erste Absagen würden bereits vorliegen.

Die Kleinkaliberrunde 2021 lässt sich auf diese Weise nicht retten. Dunja Boch verteidigt den Versuch, den möglichen Spielraum trotzdem auszuloten, denn welche Sportart würde es nicht tun? Sie sagt: „Klar, das ist kein Ersatz für den Wettkampfsport. Aber der Bezirk will seinen Aktiven wenigstens dieses Angebot machen.“

Die Bezirksschützenmeisterin würde sich freuen, wenn es die Vereine schaffen würden, ihre drei bis fünf Schützen, die eine Mannschaft bilden, innerhalb einer 14-Tages-Frist zu Einzelterminen auf die Schießstände zu bringen. Das bedeutet für diejenigen, die schießen wollen, einen sehr hohen organisatorischen Aufwand. „Aber die Schützen könnten sich auf diese Weise mit den anderen vergleichen und könnten sehen, wo sie nach diesem langen Lockdown stehen“, sagt Dunja Boch.

Ob dies das Wahre ist, muss jeder selbst entscheiden. Aber es ist eine Möglichkeit, über die viele andere Sportarten seit vergangenem Herbst nicht einmal mehr ansatzweise verfügen. Zu nennen wären die Schwimmer, vor allem aber die Ball- und Mannschaftssportler.

„Das Beste daraus gemacht“

WNZ Dienstag, 13.04.2021

Hessischer Schützentag schrumpft zu einer Online-Infoveranstaltung
Von Sven Jessen

DILLENBURG/WETZLAR. Der Hessische Schützenverband ist am vergangenen Wochenende in seinen Planungen einen kleinen Schritt vorangekommen. Weil die Corona-Pandemie einen Hessischen Schützentag mit mehreren Hundert Teilnehmern verhinderte, hat das Präsidium seine Beschlussvorlagen zu den Haushalten 2020 und 2021 in mehreren Online-Sitzungen mit den Delegierten der 27 Schützenbezirke vorgestellt. Die Beschlussvorlagen sollen nun in einem schriftlichen Umlaufverfahren gegengezeichnet werden.

Eigentlich hätte am vergangenen Sonntag eine riesengroße Runde in Alsfeld zusammenkommen sollen. In der Hessenhalle ist aber seit mehr als einem Monat ein Impfzentrum eingerichtet. Der Verband entschloss sich deswegen zu einer Online-Veranstaltung.

Zu denjenigen, die am vergangenen Samstag und Sonntag vor die Bildschirme gebeten waren, zählte Dunja Boch. Die Bezirksschützenmeisterin und die 21 Delegierten aus dem Schützenbezirk Lahn-Dill waren gemeinsam mit den Vertretern einiger anderer Bezirksverbände für Sonntag, 12 Uhr, eingeladen worden. Es war einer von mehreren Terminen, die der Verband für das gesamte Wochenende geblockt hatte, um überhaupt alle Teilnehmer in ein Video-Netzwerk holen zu können. Die für jede Gruppe vorgesehenen 90 Minuten genügten jedenfalls, um alle Tagesordnungspunkte abzuhandeln.

Dunja Boch resümierte: „Das Ganze trug eher den Charakter einer Informationsveranstaltung als eines Schützentages.“ Der eine oder andere Teilnehmer hätte sich durchaus eine intensivere Debatte gewünscht. Fragen konnten gestellt werden, kamen Dunja Boch zufolge aber etwas zu kurz. „Das war allein dem Veranstaltungsformat geschuldet“, sagte sie. „Letztendlich hat der Verband das Beste aus der Situation gemacht. Besser so, als dass die Beschlussvorlagen mit einem kurzen Begleittext versehen an die Delegierten verschickt worden wären“, fand sie.

Mit einer gewissen Restspannung muss nun abgewartet werden, mit welchem Votum die Delegierten die Unterlagen tatsächlich an den Verband zurückschicken und wofür sich Mehrheiten finden werden. „Ich gehe davon aus, dass der Haushalt genehmigt wird“, sagte Dunja Boch.

An der Genehmigung der Haushalte der letzten beiden Jahre hängen mehrere Entscheidungen: Erstens die Finanzierung der Umbauarbeiten am Landesleistungszentrum, zweitens der Wegfall einer Umlage, mit der die hessischen Vereine die Elektrifizierung der Luftdruckstände in Frankfurt sonst zu einem wesentlichen Teil bezahlt hätten, und drittens die Gewährung einer „Corona-Hilfe“ an die Vereine.

Die Modernisierung des Landesleistungszentrums in Frankfurt wird voraussichtlich eine halbe Million Euro kosten. Zur Vorfinanzierung hat der Verband Rücklagen in Höhe von 200.000 Euro gebildet. Weitere 300.000 Euro sollen aus Rücklagen für Betriebsmittel kommen. Es wird erwartet, dass diese Betriebsmittelrücklage durch Fördermittel der Stadt Frankfurt und des Landes Hessen ausgeglichen wird. Würde es so kommen, dann wäre auch die geplante Umlage in Höhe von 4,50 Euro je erwachsenem Mitglied vom Tisch, die die Vereine ansonsten entrichten müssten.

Würde sich eine Mehrheit für den Haushalt finden, dann kämen die Vereine außerdem in den Genuss einer einmaligen „Corona-Hilfe“ in Höhe von 100 Euro. Diese Hilfe müsste beim Verband beantragt werden. Bei einer Befragung der Vereine im Schützenbezirk Lahn-Dill sprachen sich Dunja Boch zufolge zwei Drittel für eine solche Hilfszahlung aus. Ein Drittel könnte auf 100 Euro verzichten, käme mit einem solchen Betrag nicht wesentlich weiter oder fand, der Verband könne das Geld für anderes sinnvoller einsetzen.

Hinter anderen Planungen setzt der weitere Verlauf der Corona-Pandemie noch große Fragezeichen. Ob es Deutsche Meisterschaften geben wird, entscheidet sich möglicherweise im Vorfeld des Deutschen Schützentages am 1. Mai in Gotha. Nachdem der hessische Landesverband seine Meisterschaften bereits abgesagt hatte, wird mindestens mit einem Zusammenstreichen des DM-Programms gerechnet. Im August und im September hätten die Wettbewerbe in den olympischen Disziplinen ausgerichtet werden sollen. Im September und im Oktober wären dann die Auflagewettbewerbe gefolgt.

Die Qualifikation zu den Deutschen Meisterschaften würde in Hessen über die Bezirksmeisterschaften abgewickelt werden. Erste Qualifikationsergebnisse müssten bis Anfang Juni, der Hauptteil bis Anfang Juli an den Verband gemeldet werden. An die Durchführung solcher Meisterschaften ist im Lahn-Dill-Kreis angesichts hoher Inzidenzzahlen (die Sieben-Tage-Inzidenz betrug Stand Sonntag, 10 Uhr, 203,6) und angesichts der Sperrung überdachter Schießsportanlagen bis auf Weiteres nicht zu denken.

Abwarten müssen die Schützen außerdem, ob das geplante Jahrgangsschießen für den Nachwuchs wie geplant stattfinden kann. Am 15. Mai hätten hierzu schätzungsweise 90 Aktive in Frankfurt zusammenkommen sollen. Zehn Prozent der hessischen Nachwuchsschützen hätten ihren Vereinen im Laufe der Pandemie bereits den Rücken gekehrt.

Klarheit gibt es hingegen, was die Bezirksschützentage angeht: Sie dürfen wegen der geltenden Kontaktbeschränkungen auf das Jahr 2022 verschoben werden. Die Bezirksvorstände würden bis zur nächsten Wahl im Amt bleiben. Dunja Boch begrüßt diese Regelung: „Ich fände es ungünstig, einen Bezirkstag digital stattfinden zu lassen. Gerade in einem so großen Bezirk wie unserem könnten wir gar nicht alle Vereine auf einmal mitnehmen.“

Weniger konkret ist zurzeit der Einsatz eines neuen „Meisterschaftstools“. Über diese Software, eine Mischung aus dem „David“-Programm und dem Rundenwettkampfmelder könnten beispielsweise inoffizielle Wettkämpfe abgewickelt werden. Dass der Schießsport bald wieder in die Gänge kommt, läge Dunja Boch jedenfalls am Herzen: „Wir wollen den Aktiven so viel wie möglich anbieten und so wenig wie möglich absagen.“

Schützen starten später in die Runde

WNZ Donnerstag, 08.04.2021

DILLENBURG/WETZLAR (jes). Der Reigen der Terminverschiebungen im Schützenbezirk Lahn-Dill setzt sich fort: Während die Planungen für die Bezirksmeisterschaften schon mehrmals über den Haufen geworfen worden waren, lassen sich nun auch die Termine für die Kleinkaliber-Rundenwettkämpfe pandemiebedingt nicht halten.

Die Sportpistolenschützen hätten in dieser Woche auf die Schießstände zurückkehren wollen. Am Mittwoch wäre die Bezirksliga-Saison mit der Begegnung SV Steindorf gegen den SV Hüttenberg eröffnet worden. In der Kreisklasse hätte am selben Abend der SV Simmersbach gegen den SV Herborn schießen wollen. Die Wettkämpfe der übrigen Teams hätten den ersten Kampftag bis zum Sonntagabend komplettiert.

Ruhepause gilt vorerst bis zum 23. April

Sascha Losert, Rundenwettkampfleiter für die Pistolenschützen, erläuterte in einem Rundschreiben an die Vereine, dass der Lahn-Dill-Kreis nach Erreichen der Inzidenzzahl 200 entschieden habe: „Alle gedeckten Sportanlagen öffentlicher und privater Art sind zu schließen.“ Diese Anordnung gilt bis zum 23. April. Der Start in die Runde nach den bisherigen Terminplänen ist also nicht mehr möglich. Im April hätten neben der ersten auch schon die zweite und die dritte Runde stattfinden sollen.

Neben den Sportpistolenschützen müssen auch die Standardpistolenschützen (ursprünglicher Rundenstart: 12. April), die Schützen mit der Freien Pistole (ursprünglicher Rundenstart: 22. April) und die Kleinkalibergewehrschützen (ursprünglicher Rundenstart: 17. April) mit dem Start in die Rundenwettkämpfe warten.

Die Bezirksschützenmeisterin Dunja Boch teilt dazu mit: „Vorerst werden die bis zum 23. April vorgesehenen Wettkämpfe, soweit möglich, hinten angestellt. Eine Änderung der Rundenwettkampfpläne wird es nicht geben. Wir hoffen, baldmöglichst die Wettkämpfe wieder aufnehmen und damit auch die Meisterschaften im Mai starten zu können.“